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Das Leben des Heinrich Anton Leichtweiß PDF Drucken E-Mail

Heinrich Anton Leichtweiß - Ein Lebensbild

Von Elke Deichmann, Wiesbaden-Dotzheim

Heinrich Anton Leichtweiß, geboren am 29. Dezember 1723 in Jugenheim (bei Sprendlingen), verbrachte Kindheit und Jugend in Mensfelden, später in Ohren bei Kirberg im Taunus. Großvater, Vater und Bruder waren Jäger in Diensten adliger Herren wie des Limburger Barons von Hohenfeld und des Fürsten von Nassau-Usingen. H. A. Leichtweiß lernte das Handwerk des Bäckers und des Bürstenmachers und erledigte Dienste für die Familie des Barons von Hohenfeld, was ihm einen Blick in diese völlig andere Welt ermöglichte.

1757 heiratete er die in Dotzheim bei Wiesbaden ansässige Christiane Louise Nicolai, Tochter des Schultheißen, zu dessen Amtszeit es eine dubiose Geschichte um verschwundene Papiere aus der Gerichtskiste gab. Leichtweiß übernahm das „Gasthaus zum Engel" mit der dazugehörigen Bäckerei. Hier kamen zwölf Kinder zur Welt, wovon fünf früh starben.

Leichtweiß gewann Ansehen und Anerkennung im Ort, wurde Gemeinderechner, später herrschaftlicher Gelderheber ( Steuererheber für den Fürsten).Völlig rätselhaft bleiben die Umstände, die am 01.Mai 1788 zu seiner Verhaftung führten, nachdem er mit „diebischen Instrumenten" im Keller eines Nachbarn angetroffen worden war: Es wurde nichts gestohlen, und auf Grund seiner wirtschaftlichen Situation - er gehörte mittlerweile zu den vermögenden Männern im Ort - gibt es kein Motiv. Es bleibt also nur die Möglichkeit eines Nachbarschaftsstreits oder etwas in dieser Art.

Der Fall kam nicht vor das Wiesbadener Oberamt, das für Einbruch zuständig gewesen wäre, denn während Leichtweiß in Untersuchungshaft war, brachten Zeugenaussagen Wilddiebstahl ins Spiel. Das Verfahren wurde daraufhin vom Fürstlichen Hofgericht übernommen. Leichtweiß selbst stritt den Vorwurf von Wilderei immer ab. Das Gericht stützte sich auf Gerüchte und fragwürdige Indizien und schlug dem Fürsten, der über jedes Urteil zu entscheiden hatte, in seinem Gutachten als Strafe ein halbes Jahr Zuchthaus wegen Wilddiebstahl vor.

Dieser Prozess fiel in eine Zeit, in der Fürst Carl Wilhelm von Nassau-Usingen ständig Konflikte mit der Bevölkerung wegen Wilderei hatte. Ihm, als jagdbegeistertem Mann, lag daran, besonders viel Wild in seinen Wäldern zu halten. Die Folge daraus: Verluste von Saat und Ernte bedrohten die Bauern in ihrer Existenz, weshalb es durchaus vorkam, dass sie zur Selbsthilfe griffen, um ihre Ernte zu verteidigen. Der Fürst verschärfte deshalb in den Jahren 1784 bis 1788 dreimal die Strafen gegen Verstöße an seinem alleinigen Jagdrecht.

Nun sah der Fürst offensichtlich die Chance, an Leichtweiß ein Exempel zu statuieren: Er erhöhte die Strafe auf ein Jahr Gefängnis und „Stehen am Pranger" ( wodurch ein Mensch öffentlich für „unehrenhaft" erklärt und dem allgemeinen Spott ausgeliefert wurde). Außerdem erklärte er Leichtweiß nach der Verbüßung der Strafe für vogelfrei, wenn er auf verbotenen Pfaden angetroffen würde.

Am 30. Oktober 1788 stand H. A. Leichtweiß in Wiesbaden am Pranger. Nach Abbüßen der einjährigen Zuchthausstrafe kehrte er nie wieder zu seiner Familie nach Dotzheim zurück. Es ist aber durchaus möglich, dass er einzelne Mitglieder seiner Familie noch getroffen hat. Die Familie und einige Nachbarn standen auch weiterhin zu ihm, Seine Frau versuchte vergeblich, durch Eingaben ans Gericht seine Freilassung zu erwirken, und die Familie lebte noch etliche Jahre im Ort. Zwei der Leichtweiß-Kinder heirateten in eine Dotzheimer Familie ein und blieben dauerhaft dort wohnen.

Nachdem es Leichweiß gelungen war, sich eineinhalb Jahre lang im damals noch unzugänglichen Nerotal und den angrenzenden Gebieten zu verbergen, wurde er im Mai 1791 von Waldarbeitern gesehen und sein Unterschlupf in der Höhle entdeckt. Daraufhin floh er in das benachbarte Fürstentum Hessen-Kassel, wo er im November 1791 in Bergen bei Frankfurt am Main aufgegriffen und inhaftiert wurde. Während in der Prozessakte lediglich festgehalten wurde, dass er kein Verbrechen begangen habe, außer einige Hasen zu schießen, mischte der Fürst sich erneut in sein weiteres Schicksal ein, scheute weder Kosten - die die Familie Leichtweiß natürlich ersetzen musste - noch Mühen und erwirkte seine Auslieferung.

Vom 14.Februar 1792 an saß Leichtweiß wieder im Wiesbadener Zuchthaus am Michelsberg. Hier blieb er ohne Prozess, ohne rechtskräftiges Urteil, sogar ohne förmliche Anklageerhebung bis zu seinem Tod. Der Fürst hatte verfügt, dass Leichtweiß, ohne dass ihm dies mitgeteilt werden solle, bis an sein Lebensende im Zuchthaus bleiben müsse.

Leichtweiß starb am 12.März 1793 siebzigjährig. Er muss bis zuletzt daran geglaubt haben, dass es zu einem Prozess und dass er wieder in Freiheit kommen würde. Begraben wurde er, wie es damals üblich war, außerhalb der Mauern des damaligen Friedhofs auf dem Schulberg.
Soweit wie die historischen Tatsachen. Ein Räuber (oder gar Anführer einer Bande) ist Leichtweiß also nie gewesen. Ebenso wenig ein Wilddieb, bis ihn die absolutistische Gerichtsbarkeit dazu gemacht hat. Kaum zu glauben, wie viele Falschinformationen sich bis heute hartnäckig über diesen Menschen gehalten haben. Walter Czysz ist es zu verdanken, dass dieser unglaubliche Justizskandal offenkundig wurde, denn er hat durch seine Nachforschungen in allen noch vorhandenen Quellen ein neues und korrektes Bild des H. A. Leichtweiß ermöglicht und in seinem Buch „Heinrich Anton Leichtweiß. Ein Bürgerleben im 18. Jahrhundert" veröffentlicht.

Das vorstehende Lebensbild ist dem Kinderbilderbuch von Elke Deichmann (Text) und Ursula S. Kosa (Illustrationen) „Vogelfrei - Wie der Bäcker Leichtweiß zum Räuber wurde" entnommen; erschienen ist das Buch 2006 im Leinpfad-Verlag Ingelheim (ISBN 3-937782-41-9).

Es basiert auf der erstmals im Jahre 1983 innerhalb der „Heimatkundlichen Schriftenreihe" des Heimatvereins Dotzheim e.V. herausgegebenen Veröffentlichung von Walter Czysz „Heinrich Anton Leichtweiß - Ein Bürgerleben im 18.Jahrhundert", die von Günter Seyfried Wiesbaden verlegerisch betreut wurde ( 2. neubearbeitete und erweiterte Auflage 1990). Eine 3., im Bilderteil erweiterte Auflage ist 2006 im Thorsten-Reiß-Verlag Wiesbaden erschienen (ISBN 3-928085-37-9).